[ha] Hamburg – Mehr als 60 Jahre nach der größten Katastrophe der Seefahrtsgeschichte umfasst das Gustloff-Archiv von Heinz Schön mehrere tausend Dokumente, Berichte und Fotos.
Schön war als Zahlmeister-Assistent an Bord des Schiffes, das am 30. Januar 1945 östlich von Bornholm innerhalb von 60 Minuten sank – getroffen von drei Torpedos des sowjetischen U-Bootes "S 13" kurz nach 21 Uhr. Schätzungsweise 9000 Menschen ertranken in der eiskalten See, darunter Hunderte Flüchtlinge aus Ostpreußen auf der Flucht vor der Roten Armee, verwundete Soldaten, Greise sowie Mütter mit ihren Kindern. Rund 1250 Menschen überlebten die Katastrophe.
Schön gehört zu ihnen und wurde in den folgenden Jahrzehnten zum mahnenden Chronisten des Unglücks. "Die Aufarbeitung der Tragödie des Schiffs wurde zu meiner Lebensaufgabe", erzählt der inzwischen über 80-Jährige. Gemeinsam mit dem ZDF will Schön in dem Zweiteiler "Die Gustloff" am Sonntag und Montag (2./3. März, 20.15 Uhr) an das Drama in der Ostsee erinnern.
Die "MS Wilhelm Gustloff" war ein ehemaliges Urlauberschiff, das für das nationalsozialistische Ferienprogramm "Kraft durch Freude" fuhr. Im Zweiten Weltkrieg diente Hitlers einstiger Stolz als Flüchtlingsschiff auf der Ostsee. Die unter Leitung von Guido Knopp entstandene zweiteilige Dokumentation "Die Gustloff" (2./3. März, 22.05 Uhr und 21.45 Uhr) schildert mit Hilfe von Zeitzeugen begleitend zum Fernsehfilm die historischen Fakten zur Vorgeschichte und zum Untergang der laut Knopp "deutschen ‘Titanic’".
Die Geschichte des Zweiteilers beginnt drei Tage vor dem Auslaufen des 208 Meter langen Schiffes im damaligen Kriegshafen Gotenhafen-Oxhöft (heute Gdynia) an der Danziger Bucht und endet am Tag nach ihrem Untergang. Dabei wird aus der Perspektive des jungen idealistischen Zivilkapitäns Hellmut Kehding (Kai Wiesinger) erzählt, der die "Gustloff" mit etwa 1500 Wehrmachtsangehörigen und fast 9000 Flüchtlingen sicher nach Kiel bringen soll.
In Gotenhafen trifft Hellmut seine große Liebe Erika Galetschky (Valerie Niehaus) wieder, die als Marinehelferin in der Flüchtlingsaufnahme arbeitet. Er will Erika mit auf das vermeintlich rettende Schiff nehmen. Doch ihr Cousin, der Funker Hagen Koch (Detlev Buck), ist dagegen.
Nach einem Drehbuch von Rainer Berg und den Erzählungen Schöns hat sich der preisgekrönte Regisseur Joseph Vilsmaier ("Stalingrad") vielschichtig dem sensiblen Stoff genähert. So steht nicht die Liebesgeschichte zwischen Hellmut und Erika im Mittelpunkt, sondern das grenzenlose Leid der Passagiere. Da hoffen Flüchtlinge auf Rettung, zerstrittene Brüder auf Versöhnung und glühende NSDAP-Anhänger auf einen gebührenden 12. Jahrestag der Hitler-Machtergreifung.
Neben Wiesinger, Niehaus und Buck überzeugen auch die weiteren Protagonisten, verkörpert von Heiner Lauterbach, Dana Vávrová, Michael Mendl, Alexander Held und Ulrike Kriener, durch erschreckende wie berührende Authentizität. Ein Großteil des mehr als zehn Millionen Euro teuren Zweiteilers entstand mit etwa 400 Komparsen im Hafen von Stralsund. Heinz Schön war "überwältigt von dem Aufwand, mit dem der Szenenbildner das Hafenareal dem Aussehen des Hafens Gotenhafen angepasst hatte". Tief beeindruckt haben ihn ferner "die nachgestellten Katastrophen-Szenen, das Geschrei der von Todesangst gepeinigten Frauen und Kinder, das Gedränge vor den Rettungsbooten und der erbarmungslose Kampf ums Überleben".
"Wer wie ich das alles als 18-Jähriger miterlebt hat und nun – im Film – noch einmal erlebt, muss für Augenblicke die Augen schließen, um von der Stärke der Erinnerung nicht überwältigt zu werden und zusammenzubrechen", gesteht Schön. Er habe danach lange gebraucht, sich zu erholen und wieder klare Gedanken fassen zu können. Sein Schicksal und das der anderen Passagiere wird durch "Die Gustloff" mehr ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt werden. (ddp)
Quelle: digitalfernsehen.de